|
„Hurra, ich bin wieder da!“ So begann meine
2. Reise auf der „JENNY“ vom 26.4. bis 4.5.2000. Mein Weg führte mich
von Marktbreit am Main bis nach Linz an der Donau, wohin wir eine Ladung
südafrikanisches Erz fuhren, das in Rotterdam geladen worden war.
Nachdem ich inspiziert hatte, ob Schiff und
Besatzung „noch in gutem Zustand“ waren, so wie im letzten Jahr, so
dass ich getrost mitfahren konnte, ging die Bergfahrt los (nicht die Fahrt
auf einen Berg, sondern es ging stromaufwärts).
Um mich langsam wieder an mein schwankendes
Umfeld zu gewöhnen, holte ich mir zuerst einen Liegestuhl an Deck am Bug
des Schiffes, wo sich auch meine Wohnung befand und hielt einen ersten „Small
Talk“ mit der „Frau Steuermann“, die ebenfalls an Deck in der Sonne
saß und unter andrem ihre „Seele baumeln“ ließ. Ich schloss mich ihr
sogleich an, vergaß mich natürlich einzucremen und bekam einen saftigen
Sonnenbrand von der Kombination Sonne und Wasser, ohne es zu merken! So
ging es friedlich dahin durch die schöne Landschaft entlang des Mains.
Am nächsten Tag bereits erreichten wir Bamberg
und die Damen des Schiffes (Frau und Tochter) gerieten in helle Aufregung,
weil sie „Landgang“ genehmigt bekamen! In Windeseile wurde das Auto an
Land gehievt und schon entschwanden sie, um das sauer erschipperte Geld
des Kapitäns so schnell wie möglich unter die Leute zu bringen. Ich
hatte auch davon profitiert, ich bekam reichlich zusätzlichen Proviant
für meinen Kühlschrank, der Kapitän hingegen nur eine neue
Zeitung......!
Weiter ging die Fahrt in den Main-Donau-Kanal
mit seinen mächtigen Schleusen. Eine Schleuse ist ein riesiges Bauwerk,
wo die Schiffe im Unterwasser (nicht „unter Wasser“, das wäre eine zu
feuchte Angelegenheit) einfahren, mit viel Wasser und Getöse
hochgeschleust werden und danach „Oberwasser“ haben. In der Schleuse
wird das Schiff mit dicken Seilen angebunden, damit, wenn vielleicht aus
Versehen oder wegen „menschlichen Versagens“ das Tor aufgeht, das
Schiff nicht einfach abhauen kann. Wenn wir dann oberwasser ausfahren,
fahren wir über den Häusern, weil die Landschaft tiefer liegt. Abends
kann man den Leuten ins Wohnzimmer oder „sonstwohin“ gucken, wenn man
Glück hat, mit dem Fernglas vom Kapitän...
In der Scheitelhaltung (europäische
Wasserscheide) ist es ganz egal wo man hin- fährt. Von hier aus geht es
immer bergab oder schiffisch „zu Tal“, entweder ins Schwarze Meer oder
in die Nordsee. Wir hatten uns fürs Schwarze Meer entschie- den.
Die Besatzung der „JENNY“ ist ein gut
eingespieltes Team. Der Kapitän ist ein sehr liebevoller Ehemann. Er
küsst seine Frau jedes Mal vor dem Essen aus Freude darüber, dass sie
ihm wieder was Gutes gekocht hat. – Die Schifferin ist ihrem Gatten
ebenfalls sehr zugetan, sie küsst ihn nach dem Essen aus Dankbarkeit,
dass er es ohne zu murren gegessen hat.
Ein guter Kapitän kann nicht nur gut Schiff
fahren, er kann auch gut telefonieren. Er hält den Hörer abwechselnd
einmal links und einmal rechts, damit die Ohren gleich- mäßig wund
werden. Wenn man Glück hat, telefoniert er gerade nicht und man kann ein
Schwätzchen mit ihm halten. Weil das Telefonieren so wichtig ist, hat er
viele Telefone im Steuerhaus, die fast alle
funktionieren. Die, die nicht funktionieren, braucht er als
Prestigeobjekt, die machen nämlich bei den Gästen „was her“!
Die Schifferin, welche fast ausschließlich
unter Deck tätig ist, um ihren Gatten und den Gast köstlich zu bekochen
und zu verwöhnen, hat neben ihrem Ehemann – man höre und staune –
auch noch einen Liebhaber. Ich habe ihn kennen gelernt, er heißt mit dem
Vornamen „Personal“ und mit dem Nachnamen „Computer“. Wenn sie
nicht gerade ihrem Ehemann Frondienste leisten muss, widmet sie sich sehr
hingebungsvoll ihrem „Geliebten“ und dies zum Wohle der gesamten
Binnenschifffahrt und ihrem Lieblingskind, der „Flaschenpost“!
Dann gibt es noch den Steuermann (auch
Mitarbeiter genannt) auf dem Schiff. Der Unterschied zwischen dem
Steuermann und dem Kapitän ist: Der Steuermann pinkelt bei der Arbeit ins
Wasser (selbst beobachtet!), der Kapitän nicht (schwitzt lieber!) Der
Steuermann fährt während des Mittagessens das Schiff (ich halte
vorsichtshalber meinen Teller fest in der Hand) aber meistens fährt er am
Abend, weil der Schiffer dann schon müde ist und lieber bei seiner Frau
sein möchte. Ich leiste dem Steuermann dann Gesellschaft und lasse ihn
dann auch sein „Seemannsgarn“ erzählen, das er auch schon ganz schön
spinnen kann. Ein guter Steuermann kann neben dem „Schiffreinmachen“,
auch schon im Dunkeln und bei Nebel fahren und rempelt in der Schleuse nur
noch manchmal
an. Auch muss er die Maschine dauernd abschmieren und Öl nachfüllen,
damit wir nicht mit einem Kolbenfresser stecken – bleiben.
Auf der Donau fuhren am Wochenende viele „Fleischbüchsen“
(Ausdruck unseres Steuermanns aus Ostdeutschland). Das sind Schiffe, die
im Gegensatz zu unserer leblosen Fracht, winkende Menschen befördern. Dem
Schiffer gefällt der Ausdruck nicht aus Solidarität zu seinen
Donaudampfschifffahrtskapitänskollegen!
Wenn es richtig dunkel wird, fährt der Kapitän
mit Radar, ein Gerät, auf dessen Bildschirm man sehen kann, dass nachts
das Schiff still liegt und dafür die Landschaft fährt. Er muss dabei
höllisch aufpassen, dass die Ufer nicht das Schiff rammen und damit
beschädigen, was man eine Havarie nennt, oder das Schiff „ins Land geht“.
Dazu schaltet er noch das Echolot ein, um zu sehen, ob das Schiff bald
Grundberührung hat oder ob es noch einmal gut gegangen ist. Bei
Grundberührung bekommt das Schiff ein Loch und wenn der Schiffer keinen
Speck an Bord hat, säuft es schlimmstenfalls ab.
Auf der unausgebauten Donau fährt das Schiff
wie im Slalom und der Schiffer muss dann dauernd auf sein Echolot achten
wegen der Grundberührung. Wenn „Begegnung“ kommt, wird es manchmal
kritisch und ich komme ins Schwitzen, im Gegensatz zum Kapitän!
Wenn unser Schiff am frühen Morgen seine Fahrt
beginnt, wird zuerst das Bugstrahlruder in Gang gesetzt. Das ist eine
Maschine, die in erster Linie dazu da ist, die Gäste gnadenlos aus dem
Morgenschlaf zu wecken, dass sie fast aus dem Bett fallen. Nach einer
Weile, wenn es sich beruhigt hat, kann man weiterschlafen, wenn man kann
.....
In zweiter Linie dient das Bugstrahlruder dem
Schiffer, sicher und ohne rempeln in die Schleusen zu kommen, denn das
Rempeln an die Schleusenwände tut dem Schiff und der Schifferin gar nicht
gut! Dann hat sie plötzlich nicht mehr alle Tassen im Schrank, weil sie
herausgefallen sind und sie verbrennt sich die Finger, weil sie ihren
abrutschenden Wasserkessel vom Herd retten will!
Während ich auf der Donau am Bug des Schiffes
mal wieder die „Seele baumeln“ ließ und die „nostalgischen“
Schleppzüge aus den Ostblockländern begaffte, hatte der Kapitän wieder
viel zu telefonieren und organisieren wegen des großen „Events“, der
„Donauschifffahrt 2000“. Dies ist ein großes Spektakel in Deggendorf,
bei welchem die Schifferfamilie und –freunde sich viel Mühe geben, den
Anliegern der Donau und den Umweltschützern die Notwendigkeit des
Donauausbaus ohne Umweltbeeinträchtigung näher zubringen. Ich würde mir
wünschen, dass diese 4-tägige Veranstaltung zum vollen Erfolg wird und
die Schifferkollegen den so engagierten Scheubners dafür späterhin ewig
dankbar sein werden.
Mit einem großen Donnerwetter von oben verließ
ich die „Jenny“ mit der Frau Kapitän an der Schleuse Geisling. Ich
sah dies als Aufforderung an: „Jetzt fahr heim und schaff mal wieder
was!“ – Eine unvergesslich schöne Reise, die ganz bestimmt nicht die
letzte gewesen sein wird!
Ein großes Dankeschön an Karin und Albrecht
Scheubner für ihre Gastfreundschaft und dem Steuermann, mit dem ich, das
6. Gebot (von „die 10 Gebote für den Gast an Bord der „JENNY“)
brechend, so manches Schwätzchen gehalten habe.
Dem Kapitän möge bald sein Wunsch in
Erfüllung gehen, nämlich einmal seine Traumfracht: T.N.W.!!!
|